Cambarus rusticiformis

Cambarus rusticiformis gehören für mich mit ihrem markanten Körperbau und der akzentreichen Färbung zu einer der schönsten amerikanischen Krebsarten. Da die Zucht durch die benötigte Kältephase viel schwieriger ist als bei anderen Krebsarten, werden sie nur von wenigen Haltern in Deutschland gehalten und kaum nachgezüchtet. Im Handel sind sie daher eigentlich nie erhältlich. Zum Glück kenne ich Markus Güsgen sehr gut, der diese Krebsart bereits seit vielen Jahren erfolgreich in Deutschland nachzüchtet und auch immer mal wieder Tiere abgibt. Im Sommer 2015 war es endlich so weit und ich habe von Markus Güsgen meine ersten 2 Pärchen und auch viele wertvolle Tipps zu Haltung und Zucht zu bekommen. 

Cambarus rusticiformis werden 8 – 10 cm groß (ohne Scheren gemessen) und fallen durch ihren kräftigen, kompakten Körperbau, massive Scheren und ihre akzentreiche Färbung auf. Sie stammen aus den USA (Georgia, Tennessee, Illinois, Kentucky, Alabama, Mississippi). Sie kommen dort in schnell fließenden, sehr sauerstoffreichen Gewässern vor und leben einzeln unter Steinen und in Steinritzen. Den hohen Sauerstoffanspruch erkennt man erkennt an der Breite der Areola, wie ihr auf der Seite Aufbau von Flusskrebsen nachlesen könnt. An Wasserhärte und pH-Wert stellen sie keine Ansprüche und können sowohl in weichem, als auch in hartem Wasser gehalten werden. Nötige Mineralien können auch über das Futter aufgenommen und somit Häutungsprobleme verhindert werden.

Bilder Galerie

Die Jungtiere färben sich natürlich erst nach und nach, wie man an den Bildern gut erkennt

Aquarieneinrichtung, Setup und Futter 

Da sie gern Steine untergraben um sich Höhlen zu bauen, sollte man die Aquarieneinrichtung einsturzsicher gestalten und ausreichend Verstecke anbieten. Falls Steinaufbauten gemacht werden, baut man diese am besten direkt auf der Bodenplatte auf (oder legt eine Plexiglasscheibe darunter) und füllt dann außen herum mit dem Bodengrund auf. Das hat den Vorteil, dass die Steine sicher aufliegen und nicht untergraben werden können. Tonröhren, Steinritzen, Kokosnüsse oder Wurzelhöhlen werden gern als Versteck angenommen.

Als Filter verwende ich in allen Aquarien tschechische Mattenfilter von Jonnys Airconcept, die ich mit Ventilen alle einzeln in der Intensität regulieren kann. So kann ich bei allen Cambarus Arten einen hohen Sauerstoffgehalt sicherstellen.

Da Cambarus Arten ein sehr ruppiges Paarungsverhalten haben und die Männchen untereinander oft auch recht rauflustig sind, halte ich wenn möglich alle Tiere einzeln in kleineren Aquarien, um Verletzungen oder Todesfälle zu vermeiden. Lediglich während der kontrollierten Paarungen während der Kältephase setze ich sie für wenige Stunden zusammen. Daher habe ich keinerlei Erfahrungen, ab welcher Aquariengröße man ein Pärchen oder eine Gruppe erfolgreich auf Dauer halten kann. Ich würde aber selbst wohl ein Aquarium mit mindestens 80 cm Kantenlänge verwenden.

Wie alle meine Cambarus und Faxonius Arten fressen auch die Cambarus rusticiformis sehr gerne Lebendfutter wie Schnecken, Garnelen oder Würmer. Um sicherzustellen, dass die Krebse auch in der Kältephase und bei seltenen Futterintervallen immer ausreichend Futter haben, vergesellschafte ich sie ganzjährig mit Neocaridina Garnelen und Schnecken und habe immer etwas Laub in den Aquarien. Die Garnelen und Schnecken dienen außerdem als Futterverwerter für nicht gefressenes Futter.

Außerdem füttere ich mein selbst hergestelltes Spirulinafutter, Novo Crabs von JBL und Futter auf Insektenbasis wie z. B. Fluval Bugbites. Anfangs habe ich bei den Cambarus und Orconectes Arten auch Gemüse wie Hokkaido Kürbis, Erbsen und Gurke ausprobiert, aber schnell festgestellt, dass diese Arten tierische und proteinreiche Ernährung bevorzugen. Auf Gemüse verzichte ich mittlerweile komplett, weil mir das Risiko von zu hoher Wasserbelastung durch Zuckerstoffe einfach zu groß ist und diese in den Habitaten auch nicht vorkommen. 

Geschlechtsunterschiede und Zucht

Die Geschlechtsunterscheidung bei den Cambarus rusticiformis ist wie bei allen Krebsen der Familie Cambaridae sehr einfach. Die Weibchen haben zwischen dem vorletzten und letzten Schreitbeinpaar eine kleine Öffnung (Annulus ventralis), die als Samenspeicher dient. Dort können sie Samen bis zur nächsten Häutung speichern und so auch noch lange Zeit nach einer Paarung befruchtete Eier tragen. Am 3. Schreitbeinpaar (von hinten gezählt) haben die Weibchen jeweils eine Geschlechtsöffnung (Gonoporen), die wie kleine, glatte Kreise aussehen. Aus diesen Geschlechtsöffnungen werden die Eier ausgestoßen. 

Hier seht ihr das Männchen – rechts habe ich Euch die männlichen Geschlechtsmerkmale (die V-förmig angeordneten Gonopoden) im roten Kreis markiert:

Im roten Kreis sind die Begattungsgriffel gut erkennbar

Die Zucht von Cambarus rusticiformis ist nicht nur durch die benötigte Kältephase eine besondere Herausforderung. Währens ls Krebsarten Cambarellus, Procambarus oder Cherax sich von alleine vermehren, muss man beim Cambarus rusticiformis einigen Aufwand betreiben. Ich hatte Glück und konnte viele Informationen zur Zucht von Markus Güsgen bekommen. Er hält die Krebse einzeln und setzt sie nur zur Paarungszeit zusammen. Dieses Verfahren habe ich für alle Cambarus Arten übernommen. So reduziere ich das Risiko, ein Tier durch Kämpfe oder eine missglückte Paarung zu verlieren.

Aber nicht nur die Kältephase stellt den Halter vor Herausforderungen. Der Formenwandel bei Cambaridae ist eine weitere Hürde. Die Tiere haben verschiedene Lebensabschnitte, man nennt das Form 1 (Paarungsphase) und Form 2 (Wachstumsphase). Der Übergang von Form 1 zu Form 2 geschieht in der Häutung. Leider kann es manchmal mehrere Häutungen dauern, bis ein Tier dann wieder in Form 1 ist und für die Zucht eingesetzt werden kann.

Männchen:
In Form 1 sind die Männchen paarungsbereit, die Begattungsgriffel sind biegsam und einsatzbereit. In Form 2 sind die  Begattungsgriffel starr und verformt, so dass eine erfolgreiche Paarung nicht möglich ist. Beim Männchen kann man die Form mit bloßem Auge leider nicht erkennen. Chris Lukhaup hat mir einmal die Begattungsgriffel einiger Männchen unter dem Mikroskop gezeigt. Mit der entsprechende Fachliteratur kann man diese dann mit den Bildern der Begattungsgriffel vergleichen und mit etwas Übung die Form erkennen. Da ich die Ausstattung aber bei mir nicht habe, setze ich paarungsbereite Weibchen mit einem Männchen zusammen und warte ab, ob das Männchen Interesse zeigt. Das merkt man meist recht schnell. Männchen, die in dieser Kältephase bereits erfolgreiche Paarungen (nicht verwechseln mit einer bestätigten Befruchtung) hatten, merke ich mir für Paarungen mit anderen Weibchen vor. Hat eins dieser Männchen dann eine Häutung, fällt es für die restliche Saison aus.

Weibchen:
Beim Weibchen erkennt man die Form 1 recht deutlich an weißen Ausprägungen. Auf diesem Bild erkennt man deutlich die weißen Ausprägungen an der Unterseite des Schwanzfächers des Weibchens (hier ein Cambarus manningi):

Pro Jahr gibt es bei Cambarus rusticiformis nur 1 Zuchtmöglichkeit, da hierfür eine Kältephase benötigt wird, zeitgleich mit unserem  Herbst und Winter. Ab Oktober senke ich die Temperatur langsam ab. Während der Kältephase liegt die Wassertemperatur dann  unter 10° C. Die Kältephase dauert bis Ende März. Gefüttert wird in dieser Zeit nur mit Laub, da ich das Risiko für schlechte Wasserwerte durch liegengebliebenes Futter reduzieren möchte. Schnecken oder Garnelen sind aber mit im Aquarium und werden auch von den Krebsen erbeutet. Die Paarungen finden im Herbst und Winter statt. Wenn alles geklappt hat tragen die Weibchen im Frühjahr. Man sieht den Erfolg einer Paarung also meist erst recht zeitversetzt.

Im Gegensatz zur Zucht von Krebsen ohne Kältephase wird die Dauer der Eientwicklung bis zum Schlupf nicht in Tagen bzw. Wochen gerechnet. Da sich diese Eier bei so geringen Temperaturen entwickeln, rechnet man dies in „Tagesgraden“. Je wärmer, desto kürzer die Tragzeit, da die benötigte Anzahl an Tagesgraden schneller erreicht ist. Wer nun aber auf die Idee kommt, die tragenden Weibchen einfach ins Warme zu setzen, wird damit keinen Erfolg haben. Bei zu starken Temperaturwechseln kommt es zu Schockhäutungen und somit zum Verlust der Eier.

Die Paarung selbst läuft bei allen Krebsen der Familie  Cambaridae ziemlich unromantisch ab. Das Männchen dreht das Weibchen auf den Rücken und begattet es. Dies kann einige Stunden dauern. Ich betrachte eine Paarung ab 1 Stunde als erfolgreich, diese Erfahrungswerte habe ich so von Markus übernommen:

Paarung bei den Cambarus rusticiformis (sehr unscharf da ohne Blitz fotografiert)

Wie man erkennen kann, setze ich die Tiere für die Paarung in Kunststoffboxen zusammen. Markus bevorzugt die Verpaarung im Aquarium (im Becken des Männchens), bei mir hat das in der Praxis aber leider noch nie geklappt. Da ich außerdem immer eingreifen möchte falls ein Männchen doch zu ruppig wird, finde ich die Kunststoffboxen auch sehr praktisch.

Da meine Kellerräume relativ gut gedämmt sind, war die geforderte Wassertemperatur von unter 10° C für mich ein echtes Problem. Im kältesten Raum konnte ich die Temperatur nur auf 13° C senken. Daher habe ich mir im Dezember 2012 einen Arcadia Aquarienkühler gekauft. Damit konnte ich die Temperatur endlich entsprechend regulieren. Als es dann im Frühjahr draußen etwas wärmer wurde, hab ich die Temperatur in kleinen Schritten langsam angehoben und so der Außentemperatur angepasst. 

Falls die Paarungen geklappt hat und die Eier weit genug entwickelt sind (oft stark zeitversetzt zur Begattung), dreht sich das Weibchen seitlich oder auf den Rücken, klappt den Schwanzfächer etwas nach oben und produziert ein Schleimzelt. Dann stößt sie die Eier durch die beiden Öffnungen beim 3. Schreitbeinpaar aus und bringt sie in das Schleimzelt. Der Schleim trocknet ab und es verbleiben Schleimfäden, mit denen die Eier am Hinterleib der Mutter befestigt sind. Aufgrund der geringen Wassertemperatur dauert die Entwicklung der Eier länger als bei der Krebszucht ohne Kältephase. Nach dem Schlupf häuten sie sich noch einige Male am Hinterleib der Mutter und lösen sich dann nach und nach von der Mutter. Da die Krebse sehr kannibalistisch und rauflustig veranlagt sind, sind nun kleinste Verstecke (siporax Filterröhrchen, feine Lochsteine, Laubschichten) nötig, um möglichst viele Tiere heil durch die nächsten Monate zu bringen.